BEST PRACTICE

Vollautomatisierte Pressen in Losgröße 1

Jörg Lindemans, Prokurist und Betriebsleiter; Maximilian Lehnen, Projektleiter des Digitalisierungsprojekts mit dem Kompetenzzentrum Kaiserslautern

Die Unternehmenskultur von KOMAGE Gellner Maschinenfabrik KG verbindet Soziales mit Digitalisierung

Das Familienunternehmen KOMAGE Gellner Maschinenfabrik KG stellt in Kell am See individuelle Pulverpressen her – inklusive Automation. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A. Sell

Das Familienunternehmen KOMAGE Gellner Maschinenfabrik KG stellt in Kell am See individuelle Pulverpressen her – inklusive Automation. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A. Sell

(v. l. n. r.): Jörg Lindemans, Prokurist und Betriebsleiter; Maximilian Lehnen, Projektleiter des Digitalisierungsprojekts mit dem Kompetenzzentrum Kaiserslautern; Margit Gellner-May, Geschäftsführerin von KOMAGE; Nicolas Hemmer, Prokurist und Bereichsleiter Entwicklung & Automation.

(v. l. n. r.): Jörg Lindemans, Prokurist und Betriebsleiter; Maximilian Lehnen, Projektleiter des Digitalisierungsprojekts mit dem Kompetenzzentrum Kaiserslautern; Margit Gellner-May, Geschäftsführerin von KOMAGE; Nicolas Hemmer, Prokurist und Bereichsleiter Entwicklung & Automation.

Die KOMAGE Gellner Maschinenfabrik KG ist ein Familienunternehmen, das bereits seit 111 Jahren Pulverpressen herstellt. In Kell am See im Hunsrück legt das traditionsreiche Unternehmen großen Wert auf Nachhaltigkeit. Die Nachhaltigkeit betrifft sowohl die Mitarbeiter und Lieferanten als auch die Kunden und die produzierten Pulverpressen. „Nicht nur der soziale Umgang mit unseren langjährigen Mitarbeitern ist uns wichtig, sondern wir pflegen auch mit unseren Kunden teilweise schon seit 60 Jahren Beziehungen. Wir sind ebenso sehr darauf bedacht, dass unsere Maschinen nachhaltig sind und langfristig funktionieren – es geht uns nicht um kurzfristige Geschäfte“, erzählt die Geschäftsführerin von KOMAGE, Margit Gellner-May. Um diese Nachhaltigkeit in Zukunft zu gewährleisten, setzt das mittelständische Unternehmen auf die Digitalisierung.

KOMAGE stellt ihre Pulverpressen für eine Vielzahl an Branchen und Kunden auf der ganzen Welt her. Beispielsweise pressen die Maschinen Pulvermetalle oder Keramik, die für Automobilteile oder den Zahnersatz verwendet werden. Ebenso werden Kohlebürsten produziert, die ihren Einsatz in Elektromotoren finden. Außerdem gehören Industriekeramik, Hartmetalle, Magnete, Salze und weitere Stoffe zu den Materialien, die mit Pressen von KOMAGE verarbeitet werden können. Die Branchen sind sehr unterschiedlich, da die Maschinen individuell an die Bedürfnisse der Kunden angepasst werden – Losgröße 1 statt Massenware. Die Geschäftsführerin sieht darin eine Stärke ihres Unternehmens und auch einen der Gründe, warum sich KOMAGE schon über 100 Jahre am Markt behaupten konnte.

Beispielprodukte, die mit den Pressen von KOMAGE hergestellt werden können. Quelle: KOMAGE Gellner Maschinenfabrik KG

Beispielprodukte, die mit den Pressen von KOMAGE hergestellt werden können. Quelle: KOMAGE Gellner Maschinenfabrik KG

Historie und Hintergrund des Familienunternehmens

Gegründet wurde KOMAGE im Jahr 1908 in Berlin von Bruno Pahlitzsch, dem Urgroßvater der aktuellen Geschäftsführerin. Anfangs wurden ausschließlich Tablettenpressen hergestellt, sodass Medikamente von Apothekern erstmals in Tablettenform anstatt in Pulverform verabreicht werden konnten. Im Jahr 1938 kommt der Ort Kell am See ins Spiel. Dr. Hermann Gellner, der Großvater von Margit Gellner-May, stammt aus Kell am See und studierte damals in Berlin. Dort lernte er Gisela Pahlitzsch, die Tochter des KOMAGE-Gründers, kennen. Durch den Ortswechsel des Industrieunternehmens von Berlin nach Kell am See brachte Hermann Gellner Wohlstand in die Region. Als Dank hat die Gemeinde eine Straße nach dem Unternehmer benannt – direkt am Ortseingang fährt man über die Hermann-Gellner-Straße, um zu dem Firmengelände zu gelangen.

Nach dem Tod von Hermann Gellner im Jahr 1950 hat seine Witwe die kaufmännische Leitung des Unternehmens ihrem Schwager, dem Juristen Ludwig Gellner und den technischen Bereich ihrem Sohn Herbert übertragen. Der Maschinenbau-Ingenieur hat das Unternehmen in ein neues Zeitalter geführt. Seitdem werden keine Tablettenpressen mehr hergestellt, da Tabletten damals bereits automatisiert produziert wurden, sondern die Pressen wurden technologisch komplexer und offen für verschiedene pulverförmige Werkstoffe. Damit wurde KOMAGE zum Nischenmarktführer. 1986 starb Herbert Gellner durch einen tragischen Unfall. Seine Tochter, Margit Gellner-May, und ihre Mutter nahmen die Herausforderung an, das Unternehmen eigenverantwortlich zu führen, um den Spirit des Familienunternehmens weiterzutragen.
Früher wie heute spielen soziale Aspekte eine große Rolle in der Unternehmenskultur von KOMAGE. „Der Mensch und das Soziale waren schon für meinen Opa sehr wichtig und wir leben diese Philosophie auch heute noch. Uns liegt das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter, der Kunden und der ganzen Region sehr am Herzen“, betont Gellner-May.

Handbetriebene Tablettenpresse aus der Anfangszeit des Familienunternehmens.

Handbetriebene Tablettenpresse aus der Anfangszeit des Familienunternehmens.

Vom Retrofitting zur Energiesparpresse

KOMAGE stellt drei Arten von Pulverpressen her: mechanische, hydraulische und elektrische. „Die rein mechanischen Pressen stellen wir schon am längsten her. Diese Maschinen bieten uns einen großen Markt – das Retrofitting. Ältere Pressen werden anhand der Kundenwünsche nachgerüstet und modernisiert. Der flexibelste und gleichzeitig wichtigste Bereich für uns sind jedoch die hydraulischen Pressen. Sie können mehrere Achsen Besitzen und sind dementsprechend universell einsetzbar mit einer Presskraft von fünf bis 1.200 Tonnen“, erläutert Jörg Lindemans, Prokurist und Betriebsleiter von KOMAGE.

Energieeffizienz ist ebenso ein wichtiges Kriterium beim Verkauf und der Entwicklung der Pulverpressen, denn die Kunden möchten so wenig Energie wie möglich durch die Maschinen verbrauchen. „Wir entwickeln unsere Systeme ständig weiter, um Energie zu sparen. Seit ca. sieben Jahren bieten wir auch elektrische Pressen an, die energieeffizient und wie alle KOMAGE-Pressen frei programmierbar sind“, ergänzt Nicolas Hemmer, ebenfalls Prokurist sowie Bereichsleiter Entwicklung & Automation bei KOMAGE.

Passend zu den maßgeschneiderten Pressen liefert das Familienunternehmen seit mehr als zehn Jahren auch kundenindividuelle Handlingsysteme. Diese Systeme sind exakt auf die Produkte des Kunden abgestimmt und komplett in die Pressensteuerung integriert. Der Bereichsleiter Entwicklung & Automation fügt hinzu: „Die Kunden möchten mittlerweile ein Gesamtsystem schlüsselfertig kaufen, sodass sie nur einen Ansprechpartner haben, der sowohl für die Presse als auch die Automation zuständig ist. Und mit diesem Konzept sind wir sehr erfolgreich. Der Vorteil für den Kunden ist, dass die Presse und die Automation optimal aufeinander abgestimmt sind, was zu einer Effizienzsteigerung führt.“

KOMAGE stellt drei Arten von Pulverpressen her: mechanische (links), hydraulische (Mitte) und elektrische Pressen (rechts).

Azubis zeigen Interesse an digitalen Technologien

„Auszubildende sind für uns besonders wichtig, da die jungen Mitarbeiter von Beginn an unsere speziellen und komplexen Prozesse herangeführt werden“, erzählt die Geschäftsführerin.

KOMAGE bildet in vielen verschiedenen Berufen aus, z.B. als Industriemechaniker, Mechatroniker, Elektroniker, Produktdesigner oder Konstrukteur. „Wir haben uns auch dafür eingesetzt, dass die Ausbildungspläne zeitgemäßer werden und ebenfalls eine digitale Transformation erleben. Beispielsweise sollte ein technischer Zeichner nicht nur lernen, wie er von Hand zeichnet, sondern auch direkt das CAD-Programm verwenden können. Und die jungen Mitarbeiter möchten auch die neuen Technologien einsetzen, sie sind offen für digitale Systeme wie ERP“, erläutert Lindemans.

Bei KOMAGE arbeiten viele jüngere Mitarbeiter. Das liegt u.a. an der modernen Einstellung der Geschäftsführung, dass man als Unternehmen ohne Digitalisierung und Industrie 4.0 nicht bestehen kann – sowohl, was die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Produkte angeht als auch die Gewinnung neuer Mitarbeiter.

Auszubildende zeigen großes Interesse an den digitalen Systemen und Technologien.

Auszubildende zeigen großes Interesse an den digitalen Systemen und Technologien.

ERP-System zum digitalen Wissensmanagement

KOMAGE wird zurzeit vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern bei der Einführung eines ERP-Systems (Enterprise-Resource-Planning) unterstützt. Die Prozesse sollen dadurch optimiert werden, um Abläufe effizienter zu gestalten und auch das Wissen im Unternehmen zu sichern. Langfristiges Ziel von KOMAGE ist es, papierlos zu werden – in Produktion und Verwaltung. Ein großer Vorteil eines solchen Systems ist vor allem die bessere Übersicht über den aktuellen Stand der Aufträge, was wiederum die Mitarbeiter im Alltag entlasten würde.

„Wir haben sogar eine eigene Stelle für das Digitalisierungsprojekt geschaffen. Maximilian Lehnen ist der Projektleiter von unserer Seite. Mithilfe des Kompetenzzentrums möchten wir die historisch entstandenen Insellösungen abschaffen und unsere Prozesse sowie Programme digital verknüpfen“, erklärt Hemmer.

„Die Herausforderung für uns besteht allerdings darin, ein ERP-System zu finden, das eine Einzelfertigung – wie sie bei unseren individuellen Pressen vorliegt – optimal abbildet und uns gleichzeitig nicht in unserer Flexibilität einschränkt. Wir müssen immer schnell auf Kundenwünsche reagieren können“, ergänzt Lindemans.

Durch das ERP-System werden die Schnittstellen zwischen Konstruktion, Arbeitsvorbereitung und Produktion miteinander vernetzt.
Durch das ERP-System werden die Schnittstellen zwischen Konstruktion, Arbeitsvorbereitung und Produktion miteinander vernetzt.

Durch das ERP-System werden die Schnittstellen zwischen Konstruktion, Arbeitsvorbereitung und Produktion miteinander vernetzt.

Digitalisierung stärkt die deutsche Wirtschaft

Die Geschäftsführerin ist sich sicher, dass mittelständische Unternehmen mit der Digitalisierung beginnen müssen, um die Wirtschaftlichkeit von Deutschland zu stärken. „Möglichst viele Unternehmen müssen sich den Herausforderungen der digitalen Zukunft stellen, sonst werden sie langfristig nicht weiter wettbewerbsfähig sein. Gerade in dem IT-Bereich müssen wir aufpassen, dass uns andere Länder nicht überholen“, sagt sie.

„Darum sind wir sehr froh, dass wir mit dem Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum zusammenarbeiten, um unsere Zukunftsfähigkeit weiterhin zu sichern. Es hat bei der IHK mit dem Readiness-Check Digitalisierung begonnen, um zu testen, wie fit wir bereits in Sachen Digitalisierung sind. Und jetzt möchten wir nach und nach Industrie 4.0 in unserem Betrieb umsetzen“, fasst Gellner-May zusammen.


Über das Unternehmen: KOMAGE Gellner Maschinenfabrik KG

Der Lagerbestand von KOMAGE soll zukünftig ebenso digital erfasst werden.

Der Lagerbestand von KOMAGE soll zukünftig ebenso digital erfasst werden.

Unternehmenssitz: Kell am See
Mitarbeiter: ca. 90 Beschäftigte
Gegründet: 1908

KOMAGE Gellner Maschinenfabrik KG entwickelt und produziert Pressentechnologie und periphere Anlagen für die verschiedensten Branchen wie Automobilindustrie, Pharma & Chemie, Elektroindustrie sowie Luft –und Raumfahrt. Das Portfolio des mittelständischen Familienunternehmens umfasst mechanische, hydraulische und elektrische Pulverpresssysteme. Über die Jahre hat sich das Unternehmen auf Engineering für individuelle Anforderungen spezialisiert und verfügt über ein hohes Maß an Erfahrung mit besonderen Kundenwünschen. Maßgeschneiderte Lösungen verlassen täglich die Produktionsstätte in Kell am See, um auf der ganzen Welt in Einsatz zu kommen. https://www.komage.de/de/home/

Autorin: Fabienne Bosle