BEST PRACTICE

Papierlose Auftragsabwicklung in der Textilveredelung

Marcel Kettering, Geschäftsführer von WICO Textilbeschichtung und -kaschierung GmbH (links) zusammen mit Florian Borne, Digitalisierungsbeauftragter von WICO

Marcel Kettering, Geschäftsführer von WICO Textilbeschichtung und -kaschierung GmbH (links) zusammen mit Florian Borne, Digitalisierungsbeauftragter von WICO

Durch die digitale Vernetzung von Produktion und Büro optimiert WICO seine Prozesse und schafft Nachhaltigkeit

WICO Textilbeschichtung und -kaschierung GmbH verbindet die Schnittstelle zwischen Büro und Fertigung mithilfe eines digitalen Systems. Dadurch wird die Auftragsabwicklung transparenter und nachhaltiger. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A. Sell

WICO Textilbeschichtung und -kaschierung GmbH verbindet die Schnittstelle zwischen Büro und Fertigung mithilfe eines digitalen Systems. Dadurch wird die Auftragsabwicklung transparenter und nachhaltiger. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A. Sell

Marcel Kettering, Geschäftsführer von WICO Textilbeschichtung und -kaschierung GmbH (links) zusammen mit Florian Borne, Verfahrenstechniker und Digitalisierungsbeauftrager bei WICO.

Marcel Kettering, Geschäftsführer von WICO Textilbeschichtung und -kaschierung GmbH (links) zusammen mit Florian Borne, Verfahrenstechniker und Digitalisierungsbeauftragter bei WICO.

Dem Endverbraucher ist häufig nicht bewusst, wie das Innere von bestimmten Produkten aussieht. So ist das auch bei Schuhen der Fall, die aus mehreren Lagen von Textilien bestehen – was jedoch von außen nicht sichtbar ist. An der Herstellung dieser Bestandteile von Schuhen ist auch ein kleines Unternehmen aus Pirmasens beteiligt. WICO Textilbeschichtung und -kaschierung GmbH widmet sich mit ca. 20 Mitarbeitern der Textilveredelung. Darunter versteht man das Beschichten und Kaschieren von textilen Stoffen. Beim Kaschieren werden mehrere Lagen von Materialien miteinander verklebt.

Der Chemieingenieur Marcel Kettering ist seit zehn Jahren Geschäftsführer von WICO. „Die Schuhindustrie hat eine lange Geschichte in Pirmasens. So ist es nicht verwunderlich, dass auch bei uns die Schuhbranche mit 80 Prozent den größten Teil unseres Umsatzes und unserer Aufträge bestimmt. Die Bereiche Automotive, Filtration oder die Bauindustrie bedienen wir jedoch ebenso“, so Kettering. Beschichtet oder kaschiert werden bei WICO verschiedenste technische Textilien – von Strickwaren und Geweben über Vliesstoffe und Schäume. Die passenden Klebstoffe werden Inhouse in einem Labor entwickelt und an die individuellen Textilien angepasst.

Als das Thema Industrie 4.0 vor einigen Jahren zum Hype wurde, war sich Kettering zunächst unsicher, ob die Digitalisierung für WICO überhaupt eine Rolle spielt. Denn viele Unternehmer waren der Ansicht: „Unsere Geschäfte laufen auch ohne Digitalisierung. Wieso soll ich etwas verändern?“ Doch der Chemieingenieur kam mithilfe anderer digitaler Erfolgsgeschichten aus dem Mittelstand zu dem Entschluss, dass der digitale Wandel sein Unternehmen voranbringen kann. Daraufhin wurde der Hochschulabsolvent Florian Borne als Verfahrenstechniker und Digitalisierungsbeauftrager eingestellt. „Eine meiner ersten Aufgaben war es, potenzielle Partnerschaften und Fördermöglichkeiten ausfindig zu machen, da wir intern nicht das ausreichende Know-How besitzen, um die digitale Transformation alleine zu bewältigen. So kamen einige kleine Digitalisierungsvorhaben über Forschungsprojekte zustande, wie auch die Ideenwerkstatt und Projektbegleitung mit dem Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern“, erzählt Borne.

WICO besitzt ein eigenes Labor zur Klebstoffmischung und -prüfung (Bild links). Das Pulver-Streuverfahren wird zur Beschichtung von Textilien eingesetzt (Bild rechts).
WICO besitzt ein eigenes Labor zur Klebstoffmischung und -prüfung (Bild links). Das Pulver-Streuverfahren wird zur Beschichtung von Textilien eingesetzt (Bild rechts).

WICO besitzt ein eigenes Labor zur Klebstoffmischung und -prüfung (Bild links). Das Pulver-Streuverfahren wird zur Beschichtung von Textilien eingesetzt (Bild rechts).

Vernetzung von Büro und Fertigung

Ein Mitarbeiter sucht in der Fertigungshalle den Papierzettel mit den Informationen zu einem bestimmten Auftrag. Diese Situation gehört in vielen Unternehmen noch zum Alltag. WICO möchte dies jedoch ändern und hat gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Kaiserslautern an der Umsetzung einer papierlosen Auftragsabwicklung gearbeitet. Auf Displays an den Produktionsmaschinen werden den Mitarbeitern die aktuellen Auftragsdaten angezeigt und somit entsteht eine digitale und zugleich nachhaltige Vernetzung zwischen der Schnittstelle von Büro und Fertigung. Änderungen der Aufträge sowie der aktuelle Stand eines Auftrags können direkt ins System eingegeben werden und stehen sowohl den Produktionsmitarbeitern als auch den Büroangestellten zur Verfügung – ohne dass jemand den lästigen Zettel suchen muss.

Das Programm, das für die medienbruchfreie Verbindung eingesetzt wird, ist das bereits im Büro erprobte Warenwirtschaftssystem von WICO, das nun auf die Produktion erweitert wird. „Für die Anpassung des Systems arbeiten wir mit einem externen Softwarepartner zusammen. Das Programm wird so umgestaltet, dass auch die Produktionsmitarbeiter selbst Daten einpflegen können. Zunächst testen wir das System an einer Beschichtungsanlage bevor es auf die anderen Maschinen übertragen wird“, berichtet Borne.

„Diese digitale Entwicklung bringt uns einige entscheidende Vorteile. Zum einen werden insgesamt unsere Prozesse rund um die Auftragsabwicklung transparenter, weil wir zum Beispiel nachvollziehen können, wie der Status eines Auftrags ist oder wie lange ein bestimmter Prozess gedauert hat. Durch die Transparenz werden aber auch unsere Mitarbeiter entlastet. In Zeiten des Fachkräftemangels sind wir sehr froh, wenn wir die Mitarbeiter mithilfe von digitalen Tools unterstützen können und so unsere Effizienz steigern“, sagt Kettering.

„Die Dokumentation der Aufträge ermöglicht es uns außerdem, neue Mitarbeiter zukünftig schneller einzuarbeiten. Bisher waren viele Arbeitsschritte von der Erfahrung abhängig, die ein Mitarbeiter über die Jahre in dem Job gesammelt hat. Nun ist das Wissen zu den Aufträgen strukturierter und macht es einer externen Person leichter, sich zurecht zu finden“, ergänzt er.

Abgesehen davon können die digital erfassten Auftragsdaten nun auch ausgewertet werden, um den Prozess weiter zu optimieren. Fehler können frühzeitig erkannt und die Ursachen dafür leichter gefunden werden. So können diese Fehler langfristig minimiert werden.

Aufträge kommen im Büro an und werden über das Warenwirtschaftssystem an den Displays in der Produktion angezeigt.
Aufträge kommen im Büro an und werden über das Warenwirtschaftssystem an den Displays in der Produktion angezeigt.

Aufträge kommen im Büro an und werden über das Warenwirtschaftssystem an den Displays in der Produktion angezeigt.

Vor der Digitalisierung die Prozesse überdenken

Der Geschäftsführer ist sich sicher, „dass jedes Unternehmen, das sich nicht nur oberflächlich mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt, Anknüpfungspunkte für den eigenen Betrieb findet und dadurch seine Effektivität steigern kann.“ Weiter fügt er an: „In der Zusammenarbeit mit dem Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern haben wir uns als erstes intensiv mit unseren eigenen Prozessen beschäftigt. Jede Firma besitzt etablierte Prozesse, die überdacht werden sollten, bevor man mit der Digitalisierung beginnt. Schon das ist ein entscheidender Faktor, bei dem das Kompetenzzentrum uns eine große Hilfe war. In einem zweiten Schritt kann überlegt werden, an welcher Stelle die Digitalisierung Sinn ergibt.“

Die beschichteten Rollen werden für den Versand zum Kunden vorbereitet.

Die beschichteten Rollen werden für den Versand zum Kunden vorbereitet.

Digitale Zukunftspläne

Auch in Zukunft möchte die Firma WICO noch digitaler werden. Die aktuellen Digitalisierungsansätze beschreibt Kettering als Leuchtturm-Projekte, die langfristig auf die Gesamtproduktion erweitert werden sollen. „Sobald dies umgesetzt ist und eine Vernetzung zur Büro-Schnittstelle besteht, kommen wir unserem Ziel der papierlosen, bzw. nachhaltigen, Auftragsabwicklung ein großes Stück näher. Allerdings konnten wir uns in der begrenzten Zeit der Projektbegleitung nicht mit allen Prozessschritten der Auftragsabwicklung befassen. Auch Vorbereitungsschritte, wie das Bestücken der Maschinen mit Material oder das Erfassen der Kunden-Bedarfe, sowie die Prozesse nach dem Fertigen der Ware, z.B. das Verpacken und der Versand, sollen durch die Digitalisierung optimiert werden. Es gibt viele Möglichkeiten für uns und das Thema Digitalisierung ist in unserem Unternehmens-Mindset angekommen. Insgesamt möchte ich sagen, dass es eine extrem fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum Kaiserslautern war“, schließt der Geschäftsführer ab.


Über das Unternehmen: WICO Textilbeschichtung und -kaschierung GmbH

Schuhe gehören zu den klassischen Produkten, die mit beschichteten oder kaschierten Materialien von WICO ausgestattet sind.

Schuhe gehören zu den klassischen Produkten, die mit beschichteten oder kaschierten Materialien von WICO ausgestattet sind.

Unternehmenssitz: Pirmasens
Mitarbeiter: ca. 20 Beschäftigte
Gegründet: 1991

WICO Textilbeschichtung und -kaschierung ist ein Spezialunternehmen für die Beschichtung und Kaschierung technischer Textilien mittels thermoplastischer Schmelzklebstoffe. Vorrangig arbeitet WICO in der Lohnfertigung, d.h. textile Flächenware (Vliesstoffe, Gewebe, Strickwaren, Schäume, Folien, etc.) werden vom Kunden bereitgestellt und entsprechend der Anforderung beschichtet oder kaschiert. Der Kundenkreis des Unternehmens setzt sich aus bedeutenden Schuhherstellern, führenden Schuhtextilgroßhändlern, der Bau- und Filterbranche, sowie aus Zulieferern für Automotive zusammen. https://wico-textil.de/

Autorin: Fabienne Bosle