BEST PRACTICE

Industrie 4.0 in der Runden Gießerei

Geschäftsführer, Johannes Heger (links), zusammen mit Matthias Erdmann (rechts) in einem von HegerFerrit gegossenen Gussteil für Windkraftanlagen.

Die HegerFerrit GmbH legt großen Wert auf digitales Wissensmanagement

Die HegerFerrit GmbH stellt große Gussteile für Windenergieanlagen her. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A. Sell

Die HegerFerrit GmbH stellt große Gussteile für Windenergieanlagen her. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A. Sell

Der Geschäftsführer der Heger Gruppe, Johannes Heger (rechts), zusammen mit Matthias Erdmann (links), Leiter Verwaltung, Kundenbetreuer, Head of Administration & Key Accounts bei HegerFerrit. Auf dem Bild im Hintergrund ist das Werk der „Runden Gießerei“ in Sembach abgebildet.

Der Geschäftsführer der Heger Gruppe, Johannes Heger (rechts), zusammen mit Matthias Erdmann (links), Leiter Verwaltung, Kundenbetreuer, Head of Administration & Key Accounts bei HegerFerrit. Auf dem Bild im Hintergrund ist das Werk der „Runden Gießerei“ in Sembach abgebildet.

Die Gießerei Heger aus der Pfalz hat sich räumlich vergrößert, weil das ursprüngliche Werksgelände in Enkenbach-Alsenborn nicht mehr ausgereicht hat, um alle Aufträge zu erfüllen. Vor zehn Jahren entstand so die zweite Gießerei in Sembach, die HegerFerrit GmbH. 30.000 Tonnen Guss werden pro Jahr bei HegerFerrit produziert, sprich doppelt so viel wie in der klassischen Gießerei in Enkenbach-Alsenborn. Bei HegerFerrit werden vor allem sehr große Gussteile für Windkraftanlagen hergestellt, die zwischen 6 und 30 Tonnen pro Stück wiegen.

Das Besondere an der Gießerei in Sembach ist ihre runde Form – daher auch der Name „Die Runde Gießerei“. Johannes Heger, der Geschäftsführer, erklärt das folgendermaßen: „Dieser Kreis mit 100 Metern Durchmesser ist das, was unsere Gießerei einzigartig macht. Die runde Form wurde nicht deshalb gebaut, weil es architektonisch schön aussieht, sondern dass nach außen sichtbar wird, wie wir hier im Innern arbeiten.“ Matthias Erdmann, Leiter Verwaltung & Kundenbetreuer, ergänzt: „Generell bestand die Anforderung an die neue Gießerei darin, dem Werker die Arbeit an seinen Arbeitsplatz zu liefern. Der kreisförmige Bau der Gießerei hat sich somit durch den erforderlichen Herstellungsprozess eines Gussteils ergeben.“

Digitale Datenerfassung im Gießprozess über RFID

Gussteil in der Schleiferei von HegerFerrit.

Gussteil in der Schleiferei von HegerFerrit.

Bei der Herstellung eines Gussteils wird zunächst eine Sandform in einem Formkasten erstellt, in die später das flüssige Eisen gegossen wird. Während des längeren Abkühlvorgangs zerfällt der Sand und kann anschließend für eine neue Form wiederverwendet werden – der Herstellprozess als Kreislauf.

Bei HegerFerrit umschließt das kreisförmige Gebäude die verschiedenen Fertigungshallen und verbindet somit die einzelnen Schritte der Fertigungsprozesse. Das Besondere ist das Transportsystem mit der Datenerfassung über RFID (Radio Frequency Identification / Identifizierung mit Hilfe elektromagnetischer Wellen). Mithilfe schienengeführter Transportwägen, ausgestattet mit RFID-Readern, werden die schweren Betriebsmittel zum Werker gebracht. Die Sandformen für das Gussteil stehen in Formkästen auf Betonplattformen. Diese Plattformen sind mit RFID-Chips versehen, auf denen die Aufträge zum jeweiligen Gussteil hinterlegt sind. Das Fahrsystem erkennt durch die Daten auf dem RFID-Chip automatisch das nächste Transportziel und stellt die Plattform dort selbständig ab. Somit ist es möglich, Daten zum gesamten Herstellprozess eines Gussteils zu erfassen. Alle Informationen fließen in einem Steuerungssystem zusammen und werden dort auswertbar aufbereitet.

„Die verschiedenen Arbeitsschritte werden durch die Runde Fertigung voneinander getrennt, und wir gewinnen dadurch an Produktivität. Mit dieser, in der Gießereibranche einzigartigen Transportlogistik hatten wir bereits 2008 mit dem Beginn von HegerFerrit den Grundstein für Industrie 4.0 gelegt. Damals wussten wir das nur nicht, weil es noch keinen Namen dafür gab“, erzählt Heger.

Bei HegerFerrit steht der Begriff Assistenzsystem, das die Mitarbeiter dazu befähigt, effektiver zu arbeiten, im Mittelpunkt. „Ich nenne gerne das Beispiel von einem Navigationssystem im Auto. Ich habe keine Angst, dass mir die Maschine die Arbeit abnimmt. Sondern ich freue mich, dass etwas, was mir vielleicht lästig erscheint, von einer Maschine übernommen wird und mir sichere Anweisungen gibt. Und genau nach diesem Prinzip funktioniert das Assistenzsystem in unserer Fabrik“, erläutert Heger.

Formkasten mit Sandform in der Runden Gießerei
Formkasten mit Sandform in der Runden Gießerei

Formkasten mit Sandform in der Runden Gießerei.

Der Transportwagen (orange) bringt die Betonplattform mit dem Formkasten inklusive Sandform zum nächsten Schritt in der Produktionskette.
Der Transportwagen (orange) bringt die Betonplattform mit dem Formkasten inklusive Sandform zum nächsten Schritt in der Produktionskette.

Der Transportwagen (orange) bringt die Betonplattform mit dem Formkasten inklusive Sandform zum nächsten Schritt in der Produktionskette.

Wissensmanagement als zentraler Aspekt im Unternehmen

Zentrales Steuerungssystem bei HegerFerrit.

Zentrales Steuerungssystem bei HegerFerrit.

In der Fertigung des Unternehmens zeigt sich das Assistenzsystem in Form von Terminals, an denen die Mitarbeiter Informationen zu den einzelnen Arbeitsschritten erhalten. Neben Bildern sind auch Betriebsanweisungen und weitere Kennzahlen hinterlegt. Damit ist garantiert, dass das benötigte Wissen im gesamten Werk digital gespeichert und abrufbar ist. Ganz ohne Betreuung funktioniert ein solches System allerdings nicht. Bei HegerFerrit wird das Wissensmanagementsystem von mehreren Bereichen des Unternehmens gepflegt.

Johannes Heger bringt den Stand der digitalen Transformation seiner Gießerei auf den Punkt: „Wir befinden uns auf einem guten Weg der Digitalisierung, weil wir die Verknüpfung der Maschinen mit dem Neubau der Gießerei gleich vorgenommen haben. Wir wissen heute ganz genau, wo sich welche Plattform in der Fabrik befindet und können bereits viele Parameter zu den einzelnen Fertigungsschritten entnehmen. Wir stellen unseren Mitarbeitern auch viele Informationen zum Fertigungsprozess bereit. Und genau diese Verknüpfung zwischen Mensch und Daten wollen wir zukünftig noch weiter ausbauen.“

Wissensmanagement auf Betriebsebene bei HegerFerrit. Terminals mit Bilderdatenbank und Anweisungen zu Arbeitsaufträgen. Mitarbeiter beim Ausloggen eines Arbeitsschrittes am Ende des Arbeitsgangs.
Wissensmanagement auf Betriebsebene bei HegerFerrit. Terminals mit Bilderdatenbank und Anweisungen zu Arbeitsaufträgen. Mitarbeiter beim Ausloggen eines Arbeitsschrittes am Ende des Arbeitsgangs.

Wissensmanagement auf Betriebsebene bei HegerFerrit. Terminals mit Bilderdatenbank und Anweisungen zu Arbeitsaufträgen. Mitarbeiter beim Ausloggen eines Arbeitsschrittes am Ende des Arbeitsgangs.

Mitarbeiter mehr in Industrie 4.0 einbeziehen

Für HegerFerrit ist der Weg in die Vollautomatisierung der Herstellprozesse finanziell nicht besonders attraktiv. Ein Industrie 4.0-Verständnis, bei dem die Mitarbeiter keine Rolle mehr spielen, ist für den Geschäftsführer vollkommen undenkbar. „Bei uns sollen keine Roboter Flüssigeisen gießen. Unsere Lösung ist dem Mittelstand angepasst. Der Mitarbeiter wird weiterhin die Formen mit Sand füllen und das Eisen gießen, nur soll ihn das Fabrikassistenzsystem durch bereitgestellte Daten noch weiter dabei unterstützen“, so Heger.

Mitarbeiter aus der Gussschleiferei.
Mitarbeiter aus der Gussschleiferei.

Mitarbeiter aus der Gussschleiferei.

Eine weitere Idee des ambitionierten Unternehmers sind auftragsgebundene Informationen bezüglich des zeitlichen Ablaufs: „Ich stelle mir vor, dass wir angezeigt bekommen, wenn die Fertigung beispielsweise um eine Stunde verzögert ist. Um diesen Rückstand aufholen, benötigen wir an dem jeweiligen Arbeitsschritt ein bis zwei zusätzliche Mitarbeiter. Eine solch komplexe Anweisung kommt bisher vom Produktionsleiter. Das soll zukünftig durch digitale Technologien geschehen.“ Diese Informationen könnten den Mitarbeitern bei HegerFerrit, beispielsweise auf einer Datenbrille zur Verfügung gestellt werden. Denkbar sind aber auch andere Lösungen, die sich im Laufe der Konzeptionierung ergeben werden.

Erfolgreich im globalen Wettbewerb durch Digitalisierung

Geschäftsführer, Johannes Heger (links), zusammen mit Matthias Erdmann (rechts) in einem von HegerFerrit gegossenen Gussteil für Windkraftanlagen.

Geschäftsführer, Johannes Heger (links), zusammen mit Matthias Erdmann (rechts) in einem von HegerFerrit gegossenen Gussteil für Windkraftanlagen.

Digitalisierung ist laut Johannes Heger eine große Chance, um als Industrie-Unternehmen am Standort Deutschland erfolgreich zu sein. „Im globalen Wettbewerb können wir nur Erfolg haben, wenn wir hier in Deutschland die effektivsten Firmen betreiben. Dabei spielt Digitalisierung die entscheidende Rolle. Deswegen kann ich jeden Mittelständler nur dazu ermutigen, diese Chance möglichst schnell zu ergreifen“, appelliert Heger an seine Unternehmerkollegen.

Heger betont zudem, dass die SmartFactoryKL und das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern in der Region um Kaiserslautern sehr bekannt sind. Er persönlich hat schon viele Vorträge besucht, die ihn inspiriert haben. „Nachdem das Kompetenzzentrum Kaiserslautern als eines der ersten Zentren gegründet wurde, waren wir an einer frühen Kontaktaufnahme interessiert. Mittlerweile besteht intensiver Kontakt und eine gemeinsame Ideenwerkstatt erwartet uns“, berichtet Heger.


Über das Unternehmen: Heger Gruppe

Rohgussteil für Windenergieanlagen.

Rohgussteil für Windenergieanlagen.

Unternehmenssitz: Enkenbach-Alsenborn
Mitarbeiter: 270
Gegründet: 1902

Heger ist ein führendes Unternehmen in der Gießerei-Branche im Bereich Eisenguss. Heger Gussteile mit bis zu 30 Tonnen werden über Deutschland hinaus in die ganze Welt geliefert. Zu dem familiengeführten Unternehmen gehören 4 Fachbetriebe – HegerFerrit, HegerPro, HegerGuss, HegerGGD. Das Unternehmen ist Marktführer für Produktivität und Innovation im Bereich großer Gussteile für Windkraftanlagen. Die komplette Prozesskette von der Beratung bis zum fertigen Bauteil wird von Heger abgedeckt. Die einzigartige Produktionshalle „Runde Gießerei“ in Sembach gehört zur HegerFerrit GmbH.
www.heger-gruppe.de/

Autorin: Fabienne Bosle

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