BEST PRACTICE

Digitales Assistenzsystem nach dem Baukasten-Prinzip

Geschäftsführer des Startups

Lösung des Startups MiniTec Smart Solutions zur Mitarbeiterqualifizierung in KMU eingesetzt

Das Startup MiniTec Smart Solutions GmbH stellt digitale Lösungen zur Unterstützung von Produktionsmitarbeitern her. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A. Sell

Das Startup MiniTec Smart Solutions GmbH stellt digitale Lösungen zur Unterstützung von Produktionsmitarbeitern her. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A. Sell

Geschäftsführer des Startups, Dr. Marius Orfgen (links), zusammen mit seinem Team bestehend aus Markus Kaiser (Mitte) und Ramona Barie (rechts).

Geschäftsführer des Startups, Dr. Marius Orfgen (links), zusammen mit seinem Team bestehend aus Markus Kaiser (Mitte) und Ramona Barie (rechts).

Das IT-Startup Minitec Smart Solutions wurde im März 2017 gegründet. Die Idee, die der Gründer und Geschäftsführer Dr. Marius Orfgen hatte, drehte sich um Assistenzsysteme. „Ich bringe die Informationen, die ein Mitarbeiter in der Produktion braucht, um seine Aufgabe zu erfüllen, auf eine möglichst einfache Art über Bildschirme oder eine Datenbrille direkt zu ihm“, erklärt Orfgen. Ein solches Assistenzsystem dient als digitale Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Fertigung eines Produktes. „Anstatt einer Papieranleitung, die möglicherweise noch unvollständig ist, habe ich ein digitales System, das über Bilderkennung weiß, was ein Werker gerade tut und ihm aktuelle Information zur Montage zur Verfügung stellt“, ergänzt Orfgen.

Verknüpfung von digital und analog

Die Firma MiniTec GmbH & Co. KG aus Schönenberg-Kübelberg baut u.a. klassische Handarbeitsplätze für die manuelle Montage in der Produktion. Orfgen hat in der Technologie-Initiative SmartFactory KL e.V. promoviert und in diesem Zusammenhang an der vollautomatisierten, herstellerunabhängigen Industrie 4.0-Produktionsanlage der SmartFactory-KL mitgearbeitet. Die Forschungsergebnisse aus der digitalen Produktionsanlage hat er in das Startup mit eingebracht und so war die Idee für digitale Assistenzsysteme zur Unterstützung der Mitarbeiter am analogen Handarbeitsplatz geboren. „MiniTec Smart Solutions bietet die komplette Lösung an – vom physischen Handarbeitsplatz bis hin zur Softwareentwicklung, um das Programm auf die Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens anzupassen“, so Orfgen.

Orfgen selbst ist Informatiker, sein Team besteht aus zwei weiteren Mitarbeitern: der Elektrotechnikerin Ramona Barie, die einen Fokus auf Bildverarbeitung hat, und dem Wirtschaftsingenieur Markus Kaiser mit Schwerpunkt Informatik. „Startup bedeutet für mich, mutig zu sein, um etwas Neues und Innovatives zu schaffen wie eine digitale Technologie, die bisherige Prozesse optimieren wird. Genau das ist unser Ziel“, erläutert Orfgen.

Über ein digitales Assistenzsystem am Handarbeitsplatz erhält der Mitarbeiter in der Fertigung Unterstützung bei der Montage von Produkten.
Über ein digitales Assistenzsystem am Handarbeitsplatz erhält der Mitarbeiter in der Fertigung Unterstützung bei der Montage von Produkten.

Über ein digitales Assistenzsystem am Handarbeitsplatz erhält der Mitarbeiter in der Fertigung Unterstützung bei der Montage von Produkten.

Qualifizierungstool für Mitarbeiter

Ein Assistenzsystem soll nicht den Menschen ersetzen, sondern ihm die Arbeit erleichtern, bei komplexen Tätigkeiten unterstützen oder auch lästige Aufgaben ganz abnehmen. Die Montage an sich bleibt durch die Assistenzsysteme manuell, nur erhält der Produktionsmitarbeiter eine digitale Anleitung, wie er ein spezifisches Produkt zu fertigen hat. Das ist vor allem bei einer hohen Produktvielfalt hilfreich, um sich nicht alle einzelnen Varianten eines Produkts merken zu müssen. Außerdem kann das System zum Anlernen neuer Mitarbeiter verwendet werden. „Die Lösung kann dazu eingesetzt werden, Mitarbeiter für bestimmte Tätigkeiten zu qualifizieren, ohne dafür die Zeit der erfahreneren Mitarbeiter in Anspruch zu nehmen. Durch das digitale System sollte ein Laie befähigt werden, ein Produkt zu fertigen“, so Orfgen.

Besonders wichtig bei der Akzeptanz einer neuen Technologie im Unternehmen ist die Einbindung der Mitarbeiter. Das bestätigt auch der Gründer des Startups: „Wenn wir ein Digitalisierungsprojekt mit einem KMU starten, dann gehen wir vor Ort in die Produktion und reden mit den Mitarbeitern. So erfährt man am besten, welche Eigenschaften das Assistenzsystem im Arbeitsalltag erfüllen soll. Und wenn die Mitarbeiter von Anfang an in ein Projekt eingebunden werden, dann akzeptieren sie die Veränderung danach auch.“

Mobile Variante mit Datenbrille

Die digitale Lösung kann nicht nur am Tisch des Handarbeitsplatzes integriert werden, sondern kann auch auf einer mobilen Datenbrille wie der Microsoft HoloLens abgespielt werden. Die HoloLens ist eine Augmented-Reality-Brille, die die Realität mit Echtzeitbildern überlagert. So werden beispielsweise 3D-Objekte und Informationen im Raum eingeblendet. Damit wird dem Produktionsmitarbeiter die digitale Anleitung direkt in seinem Blickfeld angezeigt.

„Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Für jede Situation muss das Unternehmen flexibel entscheiden, welche Option besser zu den internen Prozessen passt. Die Daten sind immer die gleichen, ob mobil auf der Datenbrille oder fest am Handarbeitsplatz. Auf Dauer ist die Brille auf dem Kopf ziemlich schwer. Wenn ein Produkt aber schon auf einer Palette zum Versand bereit steht und noch schnell etwas geprüft werden soll, wäre die Brille praktischer, um direkt vor Ort zu arbeiten und nicht zurück zum Tisch gehen zu müssen“, so Orfgen.

Die Datenbrille ermöglicht es, den Werker auch mobil mit bei der Fertigung zu unterstützen.
Die Datenbrille ermöglicht es, den Werker auch mobil mit bei der Fertigung zu unterstützen.

Die Datenbrille ermöglicht es, den Werker auch mobil mit bei der Fertigung zu unterstützen.

Wissensmanagement in KMU

Häufig existieren in kleinen und mittleren Unternehmen noch wenig digitale Schnittstellen und dafür viele Medienbrüche. Ein Assistenzsystem von MiniTec Smart Solutions unterstützt den Produktionsmitarbeiter bei seiner täglichen Arbeit und kann gleichzeitig als Wissensmanagementsystem dienen. Die Daten, die in verschiedenen Abteilungen – von Vertrieb über Konstruktion und Arbeitsvorbereitung bis hin zu Fertigung und Lager – gesammelt werden, können in dem System des Startups vernetzt und damit die Prozesse der KMU insgesamt schlanker werden.

„Um eine digitale Anleitung für ein Assistenzsystem zu erstellen, benötigen wir viele Daten von dem jeweiligen Unternehmen. Häufig merken unsere Kunden dann, dass sie ihre IT-Systeme optimieren und verknüpfen müssen. Wir hoffen darauf, dass der Schwung von Industrie 4.0 die KMU erreicht und sich diese Situation verbessert. Das würde unseren Lösungen den Weg ebnen“, beschreibt Orfgen.

Flexible Arbeitspläne nach dem Baukasten-Prinzip

MiniTec Smart Solutions wird in einer Projektbegleitung vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern unterstützt. Die Systeme von MiniTec Smart Solutions erlauben es, eine Folge von Arbeitsschritten als Anleitung für den Werker zu hinterlegen. Allerdings handelt es sich dabei um eine starre Abfolge von Arbeitsanweisungen. Die Idee des Projekts ist es daher, flexibel anpassbare Arbeitspläne für Assistenzsysteme zu entwickeln, die dynamische Anleitungen gemäß Nutzeranforderungen ermöglichen. Gemeinsam werden sozusagen einzelne Bausteine für die Assistenzsysteme entwickelt, die miteinander kombinierbar sind – wie ein flexibles Baukastensystem. Das Startup müsste sonst pro Kunde ein komplett neues Programm entwickeln.

„Ein externer Blick auf unsere digitalen Lösungen, aber dennoch mit der entsprechenden IT-Fachexpertise hat uns sehr geholfen“, stellt Barie, Projektleiterin des Digitalisierungsprojekts, fest. „Das interdisziplinäre Team des Kompetenzzentrums hat viele neue Ideen für unsere Assistenzsysteme entwickelt. Der Vorteil war, dass sie schon mehr Erfahrung damit haben, was produzierende KMU in ihrem Arbeitsalltag benötigen“, ergänzt sie. So haben beispielsweise die Arbeitswissenschaftler des Kompetenzzentrums den Aspekt der Ergonomie und leichten Bedienbarkeit des Assistenzsystems eingebracht.

Das Startup entwickelt flexibel anpassbare Arbeitspläne für Assistenzsysteme, die nach dem Baukasten-Prinzip an die Kundenanforderungen angepasst werden können.
Das Startup entwickelt flexibel anpassbare Arbeitspläne für Assistenzsysteme, die nach dem Baukasten-Prinzip an die Kundenanforderungen angepasst werden können.

Das Startup entwickelt flexibel anpassbare Arbeitspläne für Assistenzsysteme, die nach dem Baukasten-Prinzip an die Kundenanforderungen angepasst werden können.

Problemlösung durch Digitalisierung

Der Geschäftsführer des IT-Startups ist sich sicher, dass „es ein Vorteil der Digitalisierung ist, dass sich mittelständische Unternehmen überlegen müssen, was sie standardisieren und miteinander vernetzen können. Ideen von Industrie 4.0, wie die Datenvernetzung oder der Einsatz von Robotern in der Produktion, kommen langsam auch in der Praxis kleinerer Unternehmen an. Nur sind sich die Unternehmen selbst oft gar nicht darüber bewusst, dass sie schon die richtigen Schritte in Richtung Digitalisierung gehen.“ Orfgen empfiehlt dem Mittelstand, die Digitalisierung zu nutzen, um konkrete Probleme zu lösen. Dabei sind auch Praxisbeispiele von anderen Unternehmen hilfreich: „Einen Bildschirm in der Produktion einzusetzen nur um des Digitalisierungswillens, reicht nicht aus. Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden, was sinnvoll ist. Als Inspiration dienen Best-Practice-Beispiele von anderen KMU, die ähnliche Probleme mit Hilfe digitaler Lösungen überwunden haben.“


Über das Unternehmen: MiniTec Smart Solutions GmbH

Logo MiniTec Smart Solutions GmbH

MiniTec Smart Solutions GmbH

Unternehmenssitz: Kaiserslautern
Mitarbeiter: 3
Gegründet: 2017

Die MiniTec Smart Solutions GmbH (MSS) ist ein im Jahr 2017 gegründetes Startup, das Assistenzsysteme für manuelle Tätigkeiten in der industriellen Produktion anbietet. Zu diesem Zweck entwickelt und vertreibt die MSS einen modularen Baukasten von Software- und Hardwarekomponenten, die sich zu kundenspezifischen Lösungen zusammensetzen lassen. Minitec Smart Solutions verfügt über Erfahrung der Integration von Systemen aus der Automatisierungs- und IT-Technik, der Gestaltung von Mensch-Maschine-Schnittstellen und nutzerbezogenen Aufbereitung von Daten.

Autorin: Fabienne Bosle