BEST PRACTICE

Digitale Prozesse und schlanke Kommunikation

Geschäftsführer Peter Zöller (Mitte), IT-Leiter Alexander Schwarz (links) und Leiter Supply Chain Sascha Weckmüller (rechts) treiben die Digitalisierung des Unternehmens voran.

Wie DiaSys die Diagnostika-Welt vernetzen will

Die Firmenzentrale der DiaSys Diagnostic Systems GmbH in Holzheim. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A.Sell

Die Firmenzentrale der DiaSys Diagnostic Systems GmbH in Holzheim. Fotos: Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern / A.Sell


Geschäftsführer Peter Zöller (Mitte), IT-Leiter Alexander Schwarz (links) und Leiter Supply Chain Sascha Weckmüller (rechts) treiben die Digitalisierung des Unternehmens voran.

Geschäftsführer Peter Zöller (Mitte), IT-Leiter Alexander Schwarz (links) und Leiter Supply Chain Sascha Weckmüller (rechts) treiben die Digitalisierung des Unternehmens voran.

Digitalisierung bedeutet Kulturwandel

Zöller beschreibt die derzeitigen Aktivitäten des Unternehmens: „Wir sind aktiv dabei, unsere Prozesse zu digitalisieren und die Kommunikation zu beschleunigen“. Einerseits werden technische Prozesse auf den Stand der digitalen Technik gebracht; andererseits wurde jüngst eine Kollaborationsplattform – der sogenannte Collaboration Room – eingeführt, um die Kommunikation des international agierenden Unternehmens zu vereinfachen und näher an die Echtzeit heranzuholen. Auch auf Social Media – LinkedIn, Xing, YouTube und Facebook – ist das Unternehmen aktiv und umfassend vertreten „All dies ermöglicht uns neue Formen der Zusammenarbeit, wie wir sie noch nicht kannten. Wir sind stolz drauf, dass wir das im Team umsetzen. Es bedarf einen Kulturwandel, den wir bisher so noch nicht erlebt haben. Da ist es besonders wichtig, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu involvieren und frühzeitig abzuholen“, so der Geschäftsführer.

Vertreter von DiaSys hatten am Readiness Check „Digitalisierung“ des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Kaiserslautern teilgenommen und ihre Ergebnisse in einer Sprechstunde mit den Experten des Zentrums diskutiert. Auf diesem Wege wurde weiteres Potenzial für das in Sachen Digitalisierung schon gut vorangeschrittene KMU aufgedeckt.

Das Unternehmen, das 1991 gegründet wurde und rund 500 Mitarbeiter weltweit beschäftigt, entwickelt Reagenzien und Systeme für das klinische Labor. Reagenzien sind Flüssigkeiten mit zugesetzten Biochemikalien, die es erlauben, die körpereigene Reaktion außerhalb des Körpers zu simulieren. Sie kommen zum Beispiel dann zum Einsatz, wenn Cholesterinwerte oder der Blutzuckerspiegel ermittelt werden. Die dafür notwendigen fotometrischen Systeme entwickelt DiaSys gemeinsam mit seinen Partnern und vertreibt diese weltweit an Kunden wie Kliniken oder Großlabore.

In der Produktion werden die geprüften Flüssigkeiten abgefüllt und anschließend verpackt.

In der Produktion werden die geprüften Flüssigkeiten abgefüllt und anschließend verpackt.

Die Rohstoffe sind über Barcodes mit dem Lagerverwaltungssystem verbunden.

Die Rohstoffe sind über Barcodes mit dem Lagerverwaltungssystem verbunden.


Seit 2000 Erfahrung mit Digitalisierung

DiaSys ist in Sachen Digitalisierung schon lange aktiv. Denn bereits kurz nach der Jahrtausendwende führte die Firma aus der Diagnostikbranche eine ERP-Software ein. Dass gleich darauf weitere Projekte folgten, haben sie einem IT-affinen Mitarbeiter zu verdanken. Dieser hatte für die ERP-Software Umgebungsbeschreibungen programmiert, wodurch die Prozessierung der Produkte erleichtert wurde.

Aus dem Ein-Mann-Projekt ist inzwischen ein komplettes IT-Team mit mehreren Software-Entwicklern und -betreuern geworden. IT-Leiter Alexander Schwarz erklärt das Erfolgsrezept: „Wir haben ganz früh definiert, welches System in Bezug auf Datenpflege bei uns als das führende gilt und wie die anderen Systeme hier angedockt werden.“ Ein deutlich moderneres Lagerverwaltungssystem wird aktuell eingeführt und in die bestehende IT-Landschaft integriert.

In der IT-Abteilung arbeiten Software-Entwickler, IT-Service und ERP-Betreuung eng und vernetzt zusammen.
In der IT-Abteilung arbeiten Software-Entwickler, IT-Service und ERP-Betreuung eng und vernetzt zusammen.

In der IT-Abteilung arbeiten Software-Entwickler, IT-Service und ERP-Betreuung eng und vernetzt zusammen.

Die papierlose, vernetzte Produktion

Ziel von DiaSys ist die papierlose Produktion: alles soll elektronisch und somit nur noch über die direkte Schnittstelle ins ERP-System erfolgen. Das System wird inzwischen weltweit eingeführt, denn als global arbeitendes Unternehmen will die Leitung erreichen, dass an jedem Standort zeitunabhängig die notwendige Information zur Verfügung steht. Je mehr in verschiedenen Zeitzonen und somit zeitversetzt gearbeitet wird, desto mehr kommt es auf gute und schlanke Kommunikation an. Gleichzeitig muss die Prozesssicherheit gewährleistet sein. „Das ist ohne Digitalisierung nicht zu schaffen. Das volle Potenzial der Digitalisierung zu nutzen, hat aus meiner Sicht gerade erst angefangen“, so Geschäftsführer Zöller.

Diese Entwicklung führt bei DiaSys auch zur Optimierung der Prozesse in der Fertigung. Ein Beispiel: „Die In-Prozess-Kontrollen, d.h. die technischen Überprüfungen während der Produktion, sind direkt mit dem System verbunden. Man bekommt letztendlich die Rezeptur eines Reagenz schrittweise angezeigt. Dadurch ist auch die Fehlerquote gesunken“, so der Leiter Supply Chain, Sascha Weckmüller. Er ergänzt: „Früher sind zum Beispiel bei der Rohstoffzugabe Fehler passiert: Zahlendreher oder Hektik haben zu falschen Mengen geführt. Jetzt wird die benötigte Rohstoffmenge automatisch aus dem System ausgebucht. Die Fehlbestände sind gesunken, die Zeitersparnis ist gestiegen und selbst die Inventur geht schneller.“

Herstellung der Reagenzien
Herstellung der Reagenzien

Herstellung der Reagenzien: Durch die Digitalisierung findet die Rezepturverwaltung digital statt, wodurch die Fehlerquote deutlich reduziert wurde.

Die Mitarbeiter in Transformation involvieren

Immer, wenn etwas Neues eingeführt wird, sind die Anwender erst einmal skeptisch. „Wir sind durch unser neues Programm von Papier auf elektronisch umgestiegen. Natürlich haben wir zu Beginn bei unserem Team Aufklärungsarbeit leisten und die Vorteile aufzeigen müssen. Auch wenn aller Anfang schwer ist, will heute niemand das neue Programm mehr missen“, so Weckmüller. Schwarz ergänzt: „Die Digitalisierung ist nicht nur im privaten, sondern auch im dienstlichen Kontext unwahrscheinlich wichtig. Um unsere Belegschaft auf dieser Reise mitzunehmen, müssen wir sie dort abholen, wo sie steht. Wir bieten Schulungen an und bestärken unsere Mitarbeiter. Wir erleben dies ein bisschen wie einen Kulturwandel.“

Inzwischen führt das Unternehmen zahlreiche Workflows elektronisch durch: von der Lagerwartung bis zur Zeiterfassung sind alle Lösungen individuell für DiaSys angepasst worden. Auch wenn dies nicht günstig war, war die Firma bereit, das Budget dafür bereitzustellen. „Wir haben schon eine beachtliche Summe in die Digitalisierung investiert. Das muss erst einmal wieder verdient werden“, so der Geschäftsführer. Auch Zeit und Geduld müsse man bei der Digitalisierung mitbringen, sagt er.

Einblick in die Verpackung und Kit-Erstellung

Einblick in die Verpackung und Kit-Erstellung

Der Kunde als Treiber der Digitalisierung

Letztlich sei das Kundenverhalten ein wichtiger Treiber für die Digitalisierung, erklärt Zöller. Auch in der Diagnostika-Branche haben die Kunden ihr Bestellverhalten umgestellt. „Das Lagerbestandsmanagement hat sich längst wieder auf den Hersteller zurück verlagert, d.h. wir müssen wesentlich flexibler agieren, wir müssen die Produkte schneller und mit deutlich verbesserten Haltbarkeiten zur Verfügung stellen. Trotzdem wollen wir die Entsorgungsquote so gering wie möglich halten. Dies gelingt uns dank unserer Systeme bisher hervorragend“, resümiert er.

Zukunftsthema Digitale Geschäftsfelder

Auch wenn das Unternehmen noch ganz klassisch arbeitet und handfeste Produkte verkauft, denkt man trotzdem mit Hochdruck an die Zukunft. „Digitale Geschäftsfelder“, so Zöllers Stichwort. „Wir müssen über den eigenen Tellerrand hinaus schauen. Auch Firmen wie Google oder Apple steigen in unsere Branche ein.“ In diesen Konzernen sieht die Geschäftsführung von DiaSys bereits jetzt ihre Konkurrenten, nicht nur in den herkömmlichen Playern der Diagnostikbranche. Von der Messung des Blutdrucks über Lichtwellen bis hin zur Telemedizin: Durch die Digitalisierung eröffnen sich sehr große neue Felder. IT-Leiter Schwarz bringt es auf den Punkt: „Wir müssen uns wesentlich schneller neu erfinden als noch vor 20 Jahren.“


Über das Unternehmen: DiaSys Diagnostic Systems GmbH

Unternehmenssitz: Holzheim (Rhein-Lahn-Kreis)
Mitarbeiter: ca. 300 in Deutschland, ca. 500 weltweit
Gegründet: 1991

DiaSys Diagnostic Systems entwickelt und produziert Reagenzien und Systeme für das klinische Labor in höchster Qualität. Das Unternehmen ist in mehr als 100 Ländern aktiv. Das Portfolio umfasst mehr als 90 Reagenzien für Routine- und Spezialdiagnostik sowie entsprechende Kalibratoren und Standards. Die Geräteproduktpalette beinhaltet vollautomatisierte klinisch-chemische Analyzer, halbautomatisierte Geräte sowie POC Geräte für die patientennahe Diagnostik.
www.www.diasys-diagnostics.de

Autorin:Dr. Haike Frank